Mehr als 1.100 Besucher bei 18. Reichersberger Pfingstgesprächen

Bei politischer Gestaltungsarbeit geht es nicht nur um Tagespolitik sondern auch um das Weiterdenken

Mit ihren „Reichersberger Pfingstgesprächen“ will die OÖVP bewusst ein Signal senden, dass es bei der politischen Gestaltungsarbeit nicht nur um die Tagespolitik geht, sondern auch um das Weiterdenken und das Beschäftigen mit grundsätzlichen gesellschaftlichen Herausforderungen. „Daher steht bei unserer Vor-, Quer- und Nachdenker-Veranstaltung auch immer der Blick über den Tellerrand im Mittelpunkt, und zwar nicht nur über die Landesgrenzen, sondern auch über Parteigrenzen hinaus“, unterstrich Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer im Rahmen der nunmehr 18. Reichersberger Pfingstgespräche, die gestern und heute im Stift Reichersberg im Innviertel stattgefunden haben. Daher habe man auch ganz bewusst Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker eingeladen, heuer das Hauptreferat zum Generalthema der Pfingstgespräche, „Braucht der Wandel Werte – brauchen Werte Wandel?“, zu halten: Prof. Weizsäcker ist deutscher Naturwissenschafter, Co-Präsident des Club of Rome und gilt als DER Nachhaltigkeitsexperte – unter anderem auch aufgrund seines Buches „Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum“. Prof. Weizsäcker ist aber auch ein früherer hochrangiger SPD-Politiker und wurde vom bekannten Schweizer Think-Tank Gottlieb Duttweiler Institut in die Liste der 100 einflussreichsten Vordenker der Welt aufgenommen.

„Wir leben in einer Welt des ungeheuren Wandels, da stellt sich natürlich die Frage, reagiert die Politik nur noch oder gestaltet sie selbst, auf der Basis eines vernünftigen Wertefundaments?“, betonte Landeshauptmann Pühringer in seinem Referat. Im Sinne eines Interessenausgleichs müsse es, damit nicht einfach der Stärkere gewinne, einen klaren Wertekompass geben, der der Politik als Orientierung dienen könne.

„Aus der Sicht der OÖVP ist die Ökosoziale Marktwirtschaft jenes Modell, das den Menschen am ehesten Freiheit garantieren kann, aber nicht im Sinne von Schrankenlosigkeit, sondern innerhalb eines Rahmens, den etwa die Ökologie, das Ressourcenangebot und die soziale Ausgewogenheit vorgeben. Innerhalb dieses Rahmens kann die Politik dann agieren und den für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendigen Ausgleich schaffen. Die Politik muss immer den größten gemeinsamen Nenner finden, dabei aber stets ein besonderes Augenmerk auf die Schwächeren in der Gesellschaft richten, denn nur dann ist sie auch sozial verträglich“, unterstrich Pühringer.

 „Verantwortungsvolle Politik muss dem Fortschritt eine Richtung und die richtige Geschwindigkeit geben. Wertebegründete Politik heißt, die Schöpfung bewahren. Hier müssen wir gezielt in die hellen Köpfe von morgen investieren, Naturwissenschafter und Ingenieure, die mit ihren Ideen die Welt von morgen gestalten, etwa beim Klimaschutz und bei der Ressourcenschonung. Wir müssen Entscheidungen heute auch aus der Perspektive der kommenden Generationen treffen und uns fragen, was die berechtigten Lebensinteressen der kommenden Generationen sind, die von unseren Entscheidungen abhängen. Dies betrifft nicht nur die Umweltpolitik, sondern beispielsweise auch die Finanzpolitik. Wir dürfen nicht die Zukunft unserer Kinder durch überhöhte Verschuldung oder übermäßigen Ressourcenverbrauch schon heute verbrauchen“, so Pühringer.

In die selbe Kerbe schlug auch Prof. von Weizsäcker: „Die vorhandene Ressourcen reichen bei Weitem nicht für den gleichen Wohlstand aller Menschen aus. Würden alle Menschen den europäischen Lebensstil pflegen, dann könnte unsere Erde nur 2,1 Mrd. Menschen vertragen, aktuell leben aber bereits 7 Mrd. Menschen auf der Welt und die Bevölkerung wächst weiter. Damit alle den gleich hohen Lebensstil pflegen können und zugleich die Umwelt abgesichert wird, müssten Technologien und Infrastruktur, aber auch Verhaltensweisen so gestaltet werden, dass aus den Ressourcen fünf mal soviel herausgeholt werden kann wie derzeit“. Dass dies möglich ist, zeigt er in seinem Bestseller „Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum“ auf. Im Sinne einer „Therapie“ plädierte Weizsäcker für eine „Re-Regulierung“, allerdings nicht in Form einer „Superbürokratie“. Vielmehr solle die EU die großen Rahmen setzen, die Details sollten dann vor Ort selbst geregelt werden, so Weizsäcker. Beispiele für die großen Rahmenbedingungen durch die EU sind für ihn etwa die Finanztransaktionssteuer, aber auch eine Besteuerung von Informationsflüssen im Internet.

Mehr Demut von Verantwortungsträgern in allen Bereichen forderte die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche Deutschlands, Dr. Petra Bahr, ein: „Wir stecken heute nicht nur in einer Finanz- und Schuldenkrise, sondern auch in einer Orientierungskrise. Wir haben uns die Gestaltungsoptionen unserer Kinder ausgeliehen, zugleich berauben wir sie – entweder aus Dummheit oder Ignoranz – auch der Werte und Haltungen, die aus dem Christentum kommen und die unseren westlichen Kulturkreis geprägt haben. Auf welche Orientierungen und Haltungen können unsere Kinder zurückgreifen, wenn sie einmal als Erwachsene Entscheidungen treffen sollen?“ Orientierung im Leben brauche auch Prinzipien und Normen, doch damit diese auch verlässlich im eigenen Handeln akzeptiert werden, brauche es Erfahrungen, die durch das Christentum als kulturelle Grammatik geprägt worden seien, so Bahr.

Prälat Mag. Maximilian Fürnsinn, der Propst des Stiftes Herzogenburg, betonte, für eine zukunftsfähige Weltordnung brauche es auch eine Weiterentwicklung der Wertekultur. Hier könne das Christentum nach wie vor wichtige Beiträge liefern, etwa durch die unbegrenzte Versöhnungsbereitschaft, die Solidarität und die Nächstenliebe. „Unsere Gesellschaft braucht einen neuen Schub spürbarer Solidarität. Dazu ist eine Kultur der Grenze, des rechten Maßes und des Teilens unerlässlich“, so Fürnsinn. Weiters plädierte er dafür, „Biotope der Hoffnung“ in allen Bereichen des Lebens zu schaffen.

Der Philosoph Prof. DI Dr. Rudolf Burger gab einen historischen Überblick über die Entstehung der Werte. Aus seiner Sicht sind Werte wichtig, allerdings dürfe es keine Inflation der Werte geben, indem alle moralisierenden Positionen gleich auf die Ebene von Werten gehoben werden.

OÖVP-Landesgeschäftsführer Dr. Wolfgang Hattmannsdorfer zeigte sich erfreut, dass die „Reichersberger Pfingstgespräche“ auch heuer wieder auf so großes Interesse gestoßen sind: Mehr als 1.100 Besucherinnen und Besucher sind insgesamt an beiden Tagen ins Stift Reichersberg gekommen, insbesondere auch alle Spitzenrepräsentanten der OÖVP, die OÖVP-Mitglieder der oö. Landesregierung, LH-Stv. Franz Hiesl, LR Mag. Doris Hummer, LR Dr. Michael Strugl und LR Max Hiegelsberger, weiters OÖVP-Klubobmann Mag. Thomas Stelzer und zahlreiche Mandatare der OÖVP aus Landtag, Nationalrat und Bundesrat. „Dies ist auch ein Beleg dafür, welchen Stellenwert die Pfingstgespräche als Vordenkerveranstaltung innerhalb der OÖVP haben und dass die Erkenntnisse daraus sehr wohl auch in die politische Gestaltungsarbeit einfließen“, so Hattmannsdorfer.

Programm

Pfingstmontag, 09. Juni 2014

18.00 Uhr

Chorkonzert in der Stiftskirche
(Chorvereinigung Reichersberg unter der Leitung von Dir. Walter Druckenthaner)

18.30 Uhr

Begrüßung
Administrator Mag. Gerhard Eichinger (Stift Reichersberg)

Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer
"Wandel gestalten statt Beliebigkeit verwalten"

Propst Mag. Maximilian Fürnsinn
(Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg, aktuelles Buch: "Leben, einfach Leben - eine Spurensuche")
"Über.Lebenswert(e) - Der unverzichtbare Beitrag des Christentums zum europäischen Wertefundament in Zeiten des Wandels"

Abendempfang

 

Dienstag, 10. Juni 2014

9.00 Uhr

Begrüßung
OÖVP-Landesgeschäftsführer Dr. Wolfgang Hattmannsdorfer

em. Univ.-Prof. DI Dr. Rudolf Burger
(Philosoph, ehemaliger Vorstand der Lehrkanzel für Philosophie sowie Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, Buchautor, u.a. "Das Elend des Kulturalismus", "Im Namen der Geschichte" und "Jenseits der Linie")
"Die Inflation der Werte"

Dr. Petra Bahr
(Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands, ZEIT-Kolumnistin und Buchautorin, u.a. "Haltung, bitte" und "Haltung zeigen")
"Haltung zeigen! Warum Moral nichts für Feiglinge ist"

Univ.-Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker
(Naturwissenschafter, Co-Präsident des Club of Rome und Buchautor, u.a. "Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum")
"Der Wert der Langfristigkeit muss sich gegen den Schnelligkeitswahn wieder durchsetzen"

Mittagsbuffet