„Bildung muss Wissen und Können vermitteln, aber auch Herz und Charakter bilden“

Ingesamt rund 1.000 Interessierte kamen am 24. und 25. Mai 2010 zu den 14. „Reichersberger Pfingstgesprächen“ der OÖVP, um sich im Innviertler Stift Reichersberg mit dem Thema „Wissen.Werte.Zukunft. – Bildung zwischen ökonomischem Nutzen und humanistischem Ideal“ auseinanderzusetzen.

Nachdem die Pfingstgespräche am ersten Tag mit Vorträgen von Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, Benediktiner-Abtprimas Dr. Notker Wolf und OMV-Generaldirektor-Stv. Dr. Gerhard Roiss eröffnet worden waren, beleuchteten auch die Referentinnen und Referenten des zweiten Tages – Wissenschaftsministerin Dr. Beatrix Karl, Verbund-Vorstandsvorsitzender DI Wolfgang Anzengruber, Philosoph und Buchautor Univ.-Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann und Bildungs-Landesrätin Mag. Doris Hummer - das Thema Bildung aus unterschiedlichsten Perspektiven.


Referenten der Reichersberger Pfingstgespräche 2010

1. Tag der Reichersberger Pfingstgespräche 2010 (v.l.): OÖVP-Landesgeschäftsführer LAbg. Mag. Michael Strugl, Dr. Gerhard Roiss (Generaldirektor-Stv. der OMV AG), Dr. Notker Wolf (Abtprimas des Benediktiner-Ordens und Buchautor), Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, Alt-Propst Eberhard Vollnhofer und Propst Mag. Werner Thanecker vom Stift Reichersberg.

2. Tag der Reichersberger Pfingstgespräche 2010 (v.l.): Univ.-Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann (Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien und Buchautor), OÖVP-Landesgeschäftsführer LAbg. Mag. Michael Strugl, Landesrätin Mag. Doris Hummer, Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, Bundesministerin Dr. Beatrix Karl, DI Wolfgang Anzengruber (Vorstandsvorsitzender Verbund AG) und Propst Mag. Werner Thanecker vom Stift Reichersberg.


LH Pühringer: Bei Bildung über Inhalte und nicht über Organisationsformen diskutieren

Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer unterstrich in seinem Referat zum Thema „Bildung schafft Vorsprung für Oberösterreich“ vor allem die doppelte Aufgabe von Bildung: „Bildung muss Wissen und Können vermitteln. Bildung muss aber auch Herz und Charakter bilden. Beide Ziele sind gleich wichtig und müssen von einem modernen, leistungsfähigen Bildungssystem gleichberechtigt verfolgt werden“, betonte der Landeshauptmann.

Pühringer nahm aber auch zur aktuellen bildungspolitischen Debatte Stellung: „In einer sich immer schneller wandelnden Zeit braucht selbstverständlich auch das Bildungssystem eine Weiterentwicklung und deshalb muss eine Diskussion erlaubt sein. Zwei Dinge sind für mich aber unverrückbar: Am Ende dieser Diskussion muss ein klares Ergebnis und eine klare Positionierung  der ÖVP stehen und die Diskussion kann nicht ohne die Betroffenen, nämlich die Lehrerinnen und Lehrer, geführt werden. Nur wenn sie auch entsprechend eingebunden werden, kann eine Reform gelingen“, so der Landeshauptmann.

In der Abschluss-Pressekonferenz zu den „Reichersberger Pfingstgesprächen“ stellte Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer nochmals klar, dass unser Bildungssystem keinesfalls ein Sanierungsfall sei, aber sehr wohl eine Weiterentwicklung brauche. Dabei dürfe es kein Diskussionsverbot geben, es müssten aber die Lehrer als Betroffene auf jeden Fall entsprechend eingebunden werden. Grundsätzlich gelte, dass mehr über Inhalte und weniger über Organisationsformen diskutiert werden sollte, dies sei auch die Botschaft von 


Abtprimas Wolf: Bildung muss den ganzen Menschen umfassen

Ebenfalls am ersten Tag referierte Dr. Notker Wolf, Abtptrimas des Benediktiner-Ordens und erfolgreicher Buchautor, der sich mit dem Thema „Humanistische Bildungsziele als Voraussetzung für die Bewältigung der Ziele der Zukunft“ auseinandersetzte. „Werte und Wissen können nur wachsen, wenn wir unseren Kindern Kontinuität und Stabilität vermitteln und sie feste Bezugspersonen haben“, zeigte sich Wolf überzeugt. Oberstes Ziel von Bildung ist für ihn, Menschen zu befähigen, ihre Zukunft selbst zu gestalten: „Aus- und Weiterbildung, auch im Hinblick auf die Interessen der Wirtschaft, sind wichtig, Bildung muss aber auch den ganzen Menschen umfassen. Wir müssen jungen Menschen Zukunftskompetenz vermitteln, sodass sie ihr Leben eigenverantwortlich, aber auch mitverantwortlich gestalten können, also auch die Interessen der Gemeinschaft im Auge behalten“, so Wolf.  Weiters forderte er: „Wir müssen den Jugendlichen auch das selbständig Denken lehren. Das Schwierige daran ist, dass es dafür kein Programm gibt. Die jungen Menschen werden heutzutage nicht mehr zum Denken herausgefordert. Zum selbständig Denken gehören das Unterscheiden und das Hinterfragen von Dingen. Das ist auch wichtig für unsere Demokratie“, betonte Wolf.


OMV-GD-Stv. Roiss: Sprache am wichtigsten, um in der Globalität zu bestehen

Am ersten Tag der Pfingstgespräche kam aber nicht nur die politische und theologische Sicht auf das Thema Bildung zur Sprache, sondern auch die Perspektive der Wirtschaft:  OMV-Generaldirektor-Stv. Dr. Gerhard Roiss unterstrich in seinem Referat mit dem Titel „Bildung – Energieträger für das 21. Jahrhundert“ vor allem auch die Bedeutung der Internationalität im gesamten Bildungsprozess: „Wir müssen uns fragen, was unsere Kinder brauchen, um in der Globalität bestehen zu können. Dabei kommen wir vor allem auf die Sprache: Wir brauchen englischsprachige Kindergärten, Volksschulen und Gymnasien und zwar nicht nur im Zentralraum, sondern auch in den Regionen“, betonte Roiss.  Er plädierte dafür, Oberösterreich zum „Bildungsmusterland“ zu machen - „Oberösterreich hat das Potential dazu“, zeigte sich Roiss überzeugt.


Wissenschaftsministerin Karl: Weiterentwicklung des gesamten Bildungssystems

Wissenschaftsministerin Karl nahm nochmals in Reichersberg zu ihrem geäußerten Vorschlag „Gymnasium für alle“ Stellung und betonte, eine Verschiebung der Differenzierung der Schulausbildung vom 10. auf das 14. Lebensjahr finde sich auch in Bildungspapieren der Sozialpartner und des ÖAAB. Als Wissenschaftsministerin sei ihr die Weiterentwicklung des gesamten Bildungswesens ein besonderes Anliegen, weil die „hohen Schulen“ die Abnehmer der Absolventen der „mittleren Schulen“ seien. Daher seien für sie bei der Bildungsreform folgende Aspekte der Qualitätssicherung besonders wichtig: Der Kindergarten als „Bildungsgarten“, die Schule als Ort des Wissens, der Werte und der Kreativität, die Hochschuleinrichtungen als Innovationstreiber und das lebenslange Lernen zur persönlichen Weiterentwicklung, so Karl.


Verbund-Vorstandsvorsitzender Anzengruber: Bildung ist Kraftstoff für Innovation

„Der zentrale Kraftstoff für Innovation ist und bleibt die Bildung“, unterstrich Verbund-Chef Anzengruber. Österreich brauche für seine Zukunft Menschen, die bereit seien, Außergewöhnliches zu leisten, daher sei die Förderung der Talente und Fähigkeiten unserer Kinder und Jugendlichen eine zentrale Aufgabe des Bildungssystems. Unser Land könne es sich nicht leisten, auch nur ein Talent ungenutzt zu lassen, so Anzengruber. Gleichzeitig plädierte er auch dafür, nicht nur die Lehrer, sondern auch die Schüler in die Gestaltung der Bildungszukunft einzubinden: Es sei unverständlich, dass man Jugendliche zwar mit 16 Jahren wählen gehen lasse, aber es ihnen nicht zutraue, ein Feedback zu unserem Bildungssystem abzugeben.


Univ.-Prof. Liessmann: Bildung ist nicht Mittel, sondern Selbstzweck

Univ.-Prof. Liessmann setzte sich mit dem Thema Bildung unter dem Motto „Sein oder Nichtsein. Über Bildungsideale und Ausbildungsrealitäten“ aus philosophischer Perspektive auseinander. Er stellte dabei klar: „Bildung ist nicht Mittel, sondern Selbstzweck. Bildung ist etwas, was der Mensch mit sich und für sich macht. Ausbilden können uns andere, aber bilden kann man sich nur selber.“ Nur durch Bildung sei ein In-der-Welt-sein möglich, unterstrich Liessman, was ihn wiederum zum Titel seines Referates führte. „Wenn Bildung In-der-Welt-sein können heißt, dann führt die Frage, ob Bildung oder Ausbildung, letztlich zur Fragestellung ‚Sein oder Nichtsein’?’“, so Liessmanns provokante These. Schulen und Universitäten sind aus seiner Sicht primär Stätten der Ausbildung, die aber sehr wohl die Basis dafür legen würden, dass der Prozess der Bildung möglich werde.


LR Hummer: Auch im Bildungsbereich die Nummer 1 werden

Genau mit jenen Stätten der Ausbildung, den Schulen, befasste sich Bildungs-Landesrätin Hummer in ihrem Referat zum Thema „Bildung – Entdecke Deine Talente!“. „Die entscheidende Frage an unser Bildungs- und Schulsystem lautet, ob unser Bildungssystem die Begabungen und Talente unserer Kinder zu Tage bringt, ob unser Bildungssystem den Kindern die Zusammenhänge der Welt und damit die Grundlagen unserer sozialen, offenen und verantwortungsbewussten Gesellschaft mit ihren Werten eröffnet“, so Hummer. Um dies zu erreichen, brauche es eine klare bildungspolitische Vision, die sie so formulierte: „Wir wollen in Oberösterreich auch im Bildungsbereich die Nummer 1 werden. Dazu braucht es eine kontinuierliche Schulentwicklung wie etwa durch das Zertifikat ‚OÖ Schule Innovativ’, weil wir uns nicht mit dem Durchschnitt zufrieden geben. Der Durchschnitt kann für uns in Oberösterreich nicht das Ziel sein, was wir brauchen und wollen, ist eine Exzellenzstrategie“, unterstrich Hummer.

Unter den Gästen des der Reichersberger Pfingstgespräche waren unter anderem auch zahlreiche Prominente aus Politik und Geistlichkeit, darunter Innenministerin Dr. Maria Fekter, Landtags-Präsident Friedrich Bernhofer, LH-Stv. Franz Hiesl und die Landesräte Dr. Josef Stockinger und Viktor Sigl, Klubobmann Mag. Thomas Stelzer, Landesgeschäftsführer LAbg. Mag. Michael Strugl, Landesgeschäftsführer-Stv. GR Dr. Wolfgang Hattmannsdorfer, Landesschulrats-Präsident Fritz Enzenhofer, Alt-Bischof Maximilian Aichern, die Hausherren Propst Mag. Werner Thanecker und Altpropst Eberhard Vollnhofer vom Stift Reichersberg, Oberin SR Kunigunde Fürst, Präsidentin der Frauenorden Österreichs, und zahlreiche Mandatare der OÖVP, insbesondere aus dem Innviertel.