"Die Krise als Wendepunkt - Unsere Chancen in der Weltwirtschaftskrise"

Welche gesitigen, menschlichen und wirtschaftlichen Grundlagen zur Gestaltung einer zukunftsfähigen Wirtschaftsordnung brauchen wir heute?

Auch heuer wieder großer Besucherandrang bei den „Reichersberger Pfingstgesprächen“ der OÖVP im Stift Reichersberg

Gerade diese Wirtschaftskrise bestätigt den Wert der ökosozialen Marktwirtschaft – sie verlangt Freiheit und Verantwortung zum Nutzen aller!

Auf großes Interesse stießen die nunmehr 13. „Reichersberger Pfingstgespräche“ der OÖVP, die am 1. und 2. Juni im Stift Reichersberg über die Bühne gegangen sind. Am Abend des Pfingstmontages verfolgten rund 750 Besucher in der Stiftskirche die Referate von Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, des Deutschen Arbeitgeberpräsidenten Dr. Dieter Hundt und des Prior des Klosters Gut Aich in St. Gilgen, Pater Dr. Johannes Pausch. Am zweiten Tag der Pfingstgespräche konnte OÖVP-Landesgeschäftsführer LAbg. Mag. Michael Strugl mehr als 300 Besucher zu den Vorträgen der Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG Österreich, Mag. Brigitte Ederer, des Wirtschaftsministers Dr. Reinhold Mitterlehner, des Unternehmers Georg Adam Starhemberg, des Chefvolkswirts der Deutschen Bank, Prof. Dr. Norbert Walter, sowie des deutschen Buchautors Dominic Veken begrüßen.


Die Referenten der Reichersberger Pfingstgespräche 2009

1. Tag der Reichersberger Pfingstgespräche (v.l.): Dr. Dieter Hundt, Prior Dr. Johannes Pausch, LH Dr. Josef Pühringer, Georg Adam Starhemberg, Landesparteisekretär Mag. Michael Strugl


Landeshauptmann Pühringer stellte in seinem Referat klar, das Motto „Tauchen wir durch“ und ein simples Weitermachen nach der Krise so wie vor der Krise dürfe es jetzt nicht geben, andernfalls stünden wir bald vor einer noch viel größeren Krise. Das Bild vom einfachen „Betriebsunfall“ sei genauso falsch wie die Behauptung, die Marktwirtschaft als Ganzes wäre gescheitert: „Es hat kein Zuviel an Markt, sondern ein Zuwenig an Moral gegeben. Zu viele Leute mit zu wenig Geld konnten – weitgehend unkontrolliert – riesige Finanzhebel in Bewegung setzen. Vielen gelang es, den Menschen weiszumachen, dass auch Schulden ein Wert sein können, wenn man sie nur handelbar macht“, betonte Püringer. Hier stelle die ökosoziale Marktwirtschaft ein wirksames Gegenmodell dar: „Das Modell der ökosozialen Marktwirtschaft ist das einzige nicht gestrauchelte System. Es schafft Freiraum für den Markt, aber gleichzeitig Begrenzung durch soziale und ökologische Vorgaben. Die ökosoziale Marktwirtschaft ist der einzige gesellschafts- und menschengerechte Weg“, unterstrich der Landeshauptmann.

Pühringer weiters: „Wir dürfen die Krise nicht beweinen, sondern müssen sie als Herauforderung und Chance für neue Weichenstellungen hinnehmen. Pessimismus kann ganz sicher nicht die Lösung sein.“


Mag. Brigitte Ederer: „Ökologisch zu wachsen ist eine Chance, aus der Krise herauszukommen“

Nach Meinung der Siemens-Vorstandsvorsitzenden Mag. Brigitte Ederer ist die Wirtschaftskrise eine Folge der fehlenden Nachhaltigkeit. Eine Möglichkeit aus der Krise herauszukommen sei ökologisch zu wachsen: „Wir haben zum Beispiel genug erneuerbare Energien, aber wir müssen Lösungen finden, wie wir diese Energien speichern können.“ Daher warnte sie auch davor, auf die Krise falsch zu reagieren, indem man Know-how-Verluste in den Unternehmen riskiere: „Bildlich gesprochen könnte man sagen, wir müssen uns auf einen Winterschlaf vorbereiten, um nach der Krise wieder mit vollem Know-how da zu sein.“ Aus- und Weiterbildung habe einen besonderen Stellenwert: „Die Frage der Bildung wird überhaupt die zentrale Frage der nächsten Jahre sein – das beginnt im Kindergarten und endet beim sozialen Lernen“, so Ederer.

Die Krise bringe auch mit sich, dass sich das ökonomische System der Realwirtschaft anpassen müsse: Man werde sich mit Gewinnquoten von 5 bis 8 Prozent zufrieden geben müssen. Es müsse in den Köpfen wieder der Hausverstand einziehen. es gebe keine Wunder, betonte Ederer.


BM Mitterlehner: „Keine Lohnstopps, keine Spar- und Steuerdiskussionen!“

Wirtschaftsminister Mitterlehner sieht die Zeiten verschärfter Verteilungskonflikte bereits angebrochen. Diese würden sich in steigender Arbeitslosigkeit, Demonstrationen und einer generell angeheizten Stimmung zeigen. Mitterlehner gibt daher als zentrale Devise „Keine Lohnstopps, keine Spar- und Steuerdiskussionen“ vor: „Wir dürfen jetzt nicht das Land nach unten sparen, sondern wir müssen uns den offenen Fragen widmen: Grundversorgung, Aufwertung der Familien, Gemeinden als Solidargemeinschaft.“

Bundesweit getroffene Maßnahmen wie Kurzarbeit, Vorziehen von Investitionen, Steuerreform, Verschrottungsprämie und Sanierungsoffensive würden auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmer sowie auf Konsumentenseite wirken. Die Realwirtschaft allerdings brauche neue Spielregeln: „Wir müssen nachhaltig produzieren und agieren.“ Auch auf die derzeit stark diskutierte Frage „Staat oder Privat?“ gab Mitterlehner eine klare Antwort: „Die Krise hat uns nicht gezeigt, dass der Staat der bessere Unternehmer ist. Im Gegenteil: Gerade jetzt dürfen wir den privaten Unternehmer nicht aus der Verantwortung lassen.“

Für die Zeit nach der Krise spricht sich Mitterlehner für einen „Wertewandel statt Wertberichtigung“ aus und sieht jetzt die Stunde der Regionen, des Mittelstandes und der Kreativwirtschaft gekommen. Sein Resümee: „Gesellschaftliche Verantwortung leben und nicht kurzfristig Gewinne maximieren.“ Dem Finanzsystem in seiner bisherigen Form erteilt der Wirtschaftsminister eine eindeutige Absage: Unter dem Motto „das Finanzsystem muss wieder langweilig werden“ fordert er „keine Spekulationen auf Nahrungsmittel, strenge Produktkontrolle vor allem bei Investmentprodukten sowie eine internationale Finanzmarktaufsicht“.


Georg Adam Starhemberg: „Wir dürfen nicht alles tun, was möglich ist, sondern nur das, was richtig und wertvoll ist“

Klare Worte fand auch Georg Adam Starhemberg in seinem Vortrag: „Die Party ist vorbei. Lange genug haben wir auf Kosten der Zukunft gelebt. Ohne Boden unter den Füßen hat uns das Gewitter erwischt. Die Krise hat sich lange abgezeichnet, aber kaum jemand hat die Stimme erhoben.“ Daher seien wir nun aufgerufen, nachzudenken, neu zu denken und umzudenken: „Wir brauchen eine Menschenverträglichkeitsprüfung, damit wir sehen, ob Handeln wertvoll oder wertlos ist“, so Starhemberg.

Weiters müsse gelten: „Wir dürfen nicht alles tun, was möglich ist, sondern nur das, was richtig und wertvoll ist. Eine schrankenlose Freiheit birgt Zerstörung in sich. Wir müssen unser Handeln an klaren Wertorientierungen ausrichten. Dazu bedarf es einer Rückbesinnung auf unsere Grundwerte und dem Handeln danach“, unterstrich Starhemberg.


Prof. Dr. Walter: „Europa ist ein Reichtum, den wir der Welt nicht vermitteln“

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Prof. Dr. Norbert Walter, befasste sich in seinem Referat mit der Frage, ob Europa ein Modell für eine solidarische Wirtschaftsordnung sein könne: „Europa ist ein Reichtum, den wir der Welt nicht vermitteln. Unser Lebensgefühl ist ein Exportartikel. Die europäische Entwicklung sorgt etwa dafür, dass wir anders mit der Natur umgehen als Amerika. Auf dem Feld der alternativen Energieformen haben wir neue Wege gefunden“, so sein grundsätzlich positiver Befund. Allerdings gebe es in Europa auch eine „geradezu unstoppbare Tendenz zur Partikularisierung“. Das sei ein Irrweg: „Wir brauchen Antworten, die den Problemen gerecht werden. Wenn es globale Probleme gibt, dann müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, um die Kräfte zu bündeln“, stellte Prof. Walter klar. Und: „Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Amerikaner nichts dringender brauchen als einen Partner, mit dem sie auf Augenhöhe kommunizieren können - wie eben Europa.“


Dominic Veken: „Wir haben die Wahl zwischen Materialismus und Idealismus“

Der deutsche Buchautor und Chefstratege einer Hamburger Kommunikationsagentur, Dominic Veken, ortete einen Mangel an Begeisterung und Begeisterungsfähigkeit in unserer Gesellschaft: Diesen Zustand beschreibt er auch in seinem Buch „Ab jetzt Begeisterung – Die Zukunft gehört den Idealisten“ „Wir leben in einer ‚Fast-Move-Gesellschaft’, in der nur schnelles und möglichst folgenloses Funktionieren zählt“, führte Veken aus. Als Gegenstrategie fordert er die verstärkte Rückkehr zu verbindenden Idealen. „Der Mensch braucht etwas, an das er zutiefst glaubt“, so Veken. „Langfristiges Faszinieren statt kurzfristiges Funktionieren: Wir haben die Wahl zwischen Materialismus und Idealismus.“

Die Zeit der Wirtschaftskrise biete enormes Potenzial für diese Rückkehr zum Idealismus, da in ihr auch die Sehnsüchte der Menschen wieder stärker würden. Als unmittelbare Folge sieht Veken die Bildung von Gemeinschaften, vor allem die von ihm befürworteten „Geistesgemeinschaften“: „Diese fußen auf Sehnsucht und Begeisterung. Von ihnen brauchen wir mehr.“


Präs. Dr. Dieter Hundt: „Europa muss noch stärker auf Innovationen setzen“

Der Deutsche Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt zeigte sich vorsichtig optimistisch: Es würden sich die Anzeichen für eine Abschwächung der Krise mehren, das Schlimmste scheine überstanden – „der unkontrollierte Sturzflug geht allmählich in einen geordneten Sinkflug über“. Allerdings sei auch eines klar: „Bis die Wirtschaftsleistung wieder auf dem Niveau von 2008 angekommen ist, wird es wohl bis zum Jahr 2013 dauern.“

Die Krise habe aber auch gezeigt, dass Europa noch viel stärker auf Innovationen setzen müsse, so Hundt weiters: „Wir werden in ganz Europa nicht um einen Strukturwandel herumkommen. In der Zukunft müssen wir noch stärker auf Innovationen setzen als bisher. Für jede Branche in Europa gilt: Nur mit zukunftsfähigen, ressourcenschonenden Produkten, die auf neuesten Technologien basieren, können die Unternehmen weltmarktfähig bleiben.“

Zugleich forderte der Deutsche Arbeitgeberpräsident, dass der Grundsatz des Maßhaltens in der Wirtschaft wieder stärkere Beachtung erfahren müsse: „Die aktuelle Wirtschaftskrise hat uns allen deutlich gezeigt, wozu Machtmißbrauch und Moralverlust führen können. In der Wirtschaft ist es wie bei allen Dingen im Leben: Wenn das richtige Maß nicht gehalten wird, fällt dies früher oder später auf uns zurück.“


Prior Johannes Pausch: „Maßhalten hat nichts mit Mittelmäßigkeit zu tun“

Pointiert forderte auch Prior Pater Dr. Johannes Pausch mehr „Maßhalten“ ein: „Wir müssen wieder zu einem gutes Maß zurückfinden, das hat nichts Mittelmäßigkeit zu tun, sondern es muss sich einfach alles wieder richtig einpendeln. Dazu braucht es auch die Reduktion: Wir müssen wieder unsere Grenzen erkennen und einhalten. Das heißt aber nicht, dass wir eine geistige Verschrumpfung hin zu einem Bonsai-Gartenzwerg-Denken betreiben müssen.“ Vielmehr würden Grenzen sogar Kreativität schaffen, den Unbegrenztheit destabilisiere, weil einfach alles beliebig werde: „Unbegrenzte Freiheit ist eine Lüge, denn die Erde ist begrenzt und ebenso der Mensch“, so Pausch. Es bedürfe daher nun eines Wandlungsprozesses, um mittels Reduktion das gute Maß wieder zu finden und das gebe dann wiederum auch die nötigen Freiräume.